Die Machtmenschen sind Personen, die es nötig haben, für ihr Handel gute Gründe anzuführen.
Sie sind die Antipoden der Freiheit, denn sie schränken die Freiheit (das heißt die Chancen auf ein angstfreies Leben) all derer ein, die auf sie angewiesen sind.
Sie begegnen uns in harmloser und in gefährlicher Ausprägung im privaten und beruflichen Leben: wo sie erfolgreich nach Dominanz streben und diese ausleben (können) zu Lasten der Schwächeren. Im Folgenden geht es nur um den gefährlichen Typ.
Sie werden bewundert und gehasst von den machtlos Abhängigen, die nach ihrer Pfeife tanzen müssen oder es freiwillig tun, weil sie sich keine Alternative vorstellen können.
Sie verstehen es, ihre Machtausübung zu verschleiern, indem sie die Abhängigen glauben machen, auf ihre Fähigkeiten und ihr Handeln angewiesen zu sein, um ein gutes und sicheres Leben führen zu können.
Sie verfälschen den Wert des Leistungsprinzips, indem sie es verabsolutieren: loslösen von konkreten Bestimmungen, die es dadurch relativieren, dass sie es mit anderen Werten in eine vernünftige Beziehung setzen, z.B. Leistung wofür und für wen und zu welchem Preis?
Sie verfälschen auch andere Werte wie Bildung und Selbstbestimmung, indem sie diese einem angeblich „höheren“ Ziel unterwerfen: sie müssen zweckmäßig und effizient sein im Interesse der Verfügungsmacht der Wirtschaftselite – der Kapitaleigner, die um die Rendite ihres eingesetzten Kapitals besorgt sind.
Sie begegnen ihren Abhängigen als Wohltäter, als Arbeitgeber, als Leistungsträger, als kulturelle und wissenschaftliche „Macher“ – kurz: als die Elite, die den Karren für die anderen aus dem Dreck zieht und für Wohlstand, „kulturelles Niveau“ und Sicherheit sorgt.
Sie stellen sich den Abhängigen als Vorbilder dar – und werden von diesen meist auch als solche angenommen. Denn insgeheim wollen die meisten Abhängigen auch zu dieser (Geld- und Macht-) Elite gehören, wenn es ihnen möglich wäre. Jeder möchte lieber Hammer als Amboss sein.
Sie lassen sich in den in ihrem Eigentum befindlichen Medien als menschlich, bescheiden, hilfsbereit, mutig zupackend und als entsprechend leistungsbewusst hinstellen, kurz: als erfolgreich in jeder Hinsicht. Der Erfolg wird nicht etwa mit den ihn begünstigenden Bedingungen in Zusammenhang gebracht, sondern er erscheint immer nur als Ergebnis der eigenen Leistungsbereitschaft. Dahinter steckt die Botschaft: wer es nicht schafft, ist selber schuld.
Sie definieren Erfolg als eine Eigenschaft, die dem Leben erst Wert verleiht. Erfolgreich ist nach dieser (in dieser Einengung bewusst verschleierten) Definition letztlich nur, wer im Prozess der Kapitalverwertung eine für die Kapitaleigner hilfreiche Funktion erfüllt. Wer dieser Definition nicht entspricht, gilt als „Versager“. Der so definierte Versager ist eine Person, die im Wirtschaftsleben nicht erfolgreich ist, also kein größeres Stück vom Kuchen ergattern konnte. Im Extremfall ist er ein Geringverdiener oder sogar arbeitslos. Oder er ist als (noch) Besitzer eines Arbeitsplatzes der „Arbeitsverdichtung“ ausgesetzt: immer unter Zeitdruck, voller Angst um den Arbeitsplatz, besinnungslos im Dienste eines Renditedenkens, dessen „Gesetzmäßigkeiten“ als Naturgesetze (also alternativlos) hingenommen werden.
Sie fördern und nutzen den technischen Fortschritt auf ihre Weise, indem sie die Produktivität der Arbeit (Leistung pro Zeiteinheit) vorantreiben. Denn je mehr Arbeitsplätze durch Kapital (Maschinen, Apparate) ersetzt werden, desto höher ist die Abhängigkeit der Arbeitenden von den Kapitaleignern. Massenarbeitslosigkeit macht es den Unternehmen leichter, die Löhne zu senken und alles Verwertbare aus ihren Beschäftigten herauszuholen. Dazu sehen sie sich auch gezwungen, um im globalen Wettbewerb mit den Niedriglohnländern bestehen zu können. Der von ihnen abhängige Mensch wird von ihnen auf seine Funktion als Kostenfaktor reduziert.
Sie definieren den Erfolgreichen als den Gewinner im Wettbewerb. Die Wettbewerbsfähigkeit im Konkurrenzkampf wird zum vorherrschenden Maßstab für das Land (international wettbewerbsfähiger Standort), für das Unternehmen (das den Wettbewerbern auf dem globalen Markt gewachsen sein muss) und für den Arbeitnehmer. Letzterer ist nur dann wert, eine Arbeit zu verrichten und ein angemessenes Einkommen zu erzielen, wenn er besser ist als der Kollege, der als nächster entlassen werden muss, um notwendige Einsparungen bei den Arbeitskosten erzielen zu können.
Sie benutzen die Demokratie als eine Hülle für ihre Interessen, indem sie nach dem alten Muster „Brot und Spiele“ – garniert mit Angst und ökonomischem Unwissen - die Mehrheiten hinter sich bringen. Entweder gehören ihnen die Medien oder die Medien sind ihnen gefügig und „heulen mit den Wölfen“. Nur wenige Medien blöken mit den Schafen.
Sie sitzen in der Demokratie an den Hebeln der Macht. Sie setzen die Regeln durch - dazu gehört auch das bewusste Nicht-Regeln -, um diese Macht abzusichern und zu verstärken. Das tun sie als Vorder- und als Hintermänner, als Politiker und als Lobbyisten. Ihre Macht ist die Wirtschaft und das Versprechen von Wohlstand unter der Bedingung, dass der Markt in seinem Funktionieren nicht vom Staat behindert wird. Sie sagen: ohne uns geht gar nichts! Und die große Mehrheit der Wähler (nicht nur der Regierungsparteien) glaubt ihnen, weil sie keine Alternative kennen.
Sie verstecken sich hinter dem Dogma, dass der freie (ungeregelte) Markt Wohlstand für alle Menschen stiftet und der Staat vor allem dafür da sei, für einen reibungslosen Wettbewerb zu sorgen. Der Wohlstand der Erfolgreichen mache es möglich, die Verlierer „mitzunehmen“ (sozialer Ausgleich). Sie schaffen durch global verbindliche Freihandelsverträge Sachzwänge, an die später Regierende gebunden sind.
Sie versetzen die Menschen nach Belieben in Angst und Schrecken mit der Drohung, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Volkswirtschaft könne Schaden nehmen oder der freie Markt könne zusammenbrechen. Mit solchen Drohungen können sie jeden Politiker erpressen. Die Abhängigkeit der Politik von der Wirtschaftselite hat auch (nicht nur) die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise bewiesen.
All diese Gedanken münden in der Frage: sind wir Abhängigen Teil des Problems oder Teil der Lösung? Wollen wir – wenn wir nur könnten – auch zu den Machtmenschen gehören? Vielleicht zählen wir nicht zu den Machtmenschen – profitieren jedoch von ihren Regeln und ihrem Handeln, weil wir bereits zu den Privilegierten gehören: mit einem interessanten und sicheren Arbeitsplatz, mit beruflich erfolgreich einsetzbarer Ausbildung, mit gutem Einkommen, Hauseigentum und einer Lebensversicherung, die uns vor Altersarmut schützt? Engagieren wir uns nur für die Zu-Kurz-Gekommenen, weil wir wegen unserer Privilegien ein schlechtes Gewissen haben? Würden wir eine Veränderung der Verhältnisse (der Regeln des Wirtschaftens) auch dann befürworten, wenn damit unsere Privilegien gefährdet würden?
Niemand soll moralisch überfordert werden. Deshalb kommt es auf die Frage an: was ist eine gangbare und menschenfreundliche Alternative zur herrschenden Wirtschaftsordnung? Wie müssen die Hebel umgelegt werden, damit Anreize für menschliches Handeln entstehen? Wie müssen die Regeln aussehen, die dafür sorgen, dass die Märkte (für Güter, Dienstleistungen, Finanzen und Arbeit) im Interesse aller Menschen und nicht nur einer Minderheit funktionieren, also Wohlstand für alle Menschen in der Welt schaffen, Armut und Arbeitslosigkeit überwinden und auch die ökologische Nachhaltigkeit gewährleisten?
Die Beantwortung dieser brennenden Frage dürfen wir nicht den Machtmenschen und den ihnen hörigen Wirtschaftswissenschaftlern überlassen, sondern hier sind wir alle gefordert, die noch etwas Grips im Kopf haben und sich verantwortlich fühlen.
Hans-Joachim Schemel
Attac München
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